DADA

«Auf dem Boden des radikalen Kommunismus»
In Zürich werden die Anfänge der Bewegung vor 100 Jahren gefeiert und Dada zum Wohlgefallen der politischen und kulturellen Eliten als eine innovative und apolitische Kunstform und Kunstphilo-sophie zelebriert. Dada Berlin war ab 1918 künstlerisch und politisch deutlich radikaler.
George Grosz,
Zeichnung 1915
Das Haus des Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse ist renoviert und im Besitz der Stadt Zürich, die Kirche im Dorf, der Verein "Club Dada" organisiert im Haus Kultur. Lenin wohnte 1916 an derselben Gasse, 1917 war er in Russland inmitten der russischen Revolution (siehe auch unten).
1916/17 ging es im «Voltaire»
mit Kabarett und Chansons, mit Travestie, Tanz, Trommelmusik und bruitistischen Gedichten um Kubismus, Expressionismus, Futurismus und neue Horizonte in den Künsten. Der erste grosse Vernichtungskrieg tobte in Europa, Arbeiterbewegung, Künstler und Intellektuelle radikalisierten sich, die sozialistische Sowjetunion entstand 1917 in Russland. Dada Berlin profilierte sich klar gegen Krieg, Kapitalismus und die Scheinheiligkeit, Konservativität und Verfilzung von Politik, Kultur und Wirtschaft.

Der bildende Künstler, Satiriker und Kommunist George Grosz zum Beispiel engagierte sich bei Dada Berlin mit Zeichnungen, Fotos und Fotomontagen gegen Entfremdung, Manipulation und Unterdrückung und die Exponenten des bürgerlichen Staats, des Kapitals, des Militärs und des Faschismus.

Das Berliner Dada-Manifest von Richard Huelsenbeck, Jefim Golyscheff und Raoul Hausmann forderte
1919 unter anderem:
- die internationale revolutionäre Vereinigung aller schöpferischen und geistigen Menschen der ganzen Welt
auf dem Boden des radikalen Kommunismus
- die sofortige Expropriation des Besitzes (Sozialisierung) und kommunistische Ernährung aller sowie die Errichtung der Allgemeinheit gehörender Licht- und Gartenstädte, die den Menschen zur Freiheit entwickeln

Der Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow alias
Lenin (1870–1924) war 1912–1924 Vorsitzender der Bolschewiki-Partei (Mehrheits-Sozialisten) und der aus
ihr hervorgegangenen Kommunistischen Partei Russland.
Er gilt als Begründer der Sowjetunion und prägte Theorie und Politik des Marxismus-Leninismus.
Sein Leichnam befindet sich auch nach der bürgerlichen Machtübernahme 1991 im Lenin-Mausoleum auf dem
Roten Platz in Moskau.

«Ein wahnwitziges Simultankonzert»
Richard Huelsenbeck

In Huelsenbecks Roman «Doctor Billig am Ende», Erst- ausgabe 1921, nehmen neben der Handlung und den Dialogen Atmosphären, Gerüche, Geräusche, visuelle, psychedelische und psychologische Erscheinungen und indirekte Kritik an Krieg, militarisierter Gesellschaft und Rüstungsindustrie grossen Platz ein. Der Schriftsteller liebte und performte auch perkussive, bruitistische und simultanistische Poesie. «Ein wahnwitziges Simultankonzert von Morden, Kulturschwindel, Erotik und Kalbsbraten» und ein Buch gegen den zahmen Expressionismus nannte er seinen zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs spielenden Roman.

«Die Menschen stauten sich zu hohen Wogen, schlugen über seinem Kopf zusammen. Dann fand er sich vor dem Eingang der Untergrundbahn, wo ein verwirrender Lärm     und die Wärme erregter Leiber um die Gitter kreisten. ( ... )          Aus dem Prospekt des Verlags Freie Strasse 1918
Man sah durch die Dunkelheit, in der die blauen Funken
sprangen, in das weite Land mit dem vom Winde gepeitschten Bäumen, die Städte zusammengepfercht
unter der Wut des Orkans, die tausend erleuchteten Fabriken, in denen die jungen Mädchen Granathülsen verfertigten und die Riemen über die Transmissionen strichen.»  (aus dem 4. Kapitel)


                                                                                                      © Text und Layout Damian Bugmann 2016
Literatur:
Karl Riha, Tatü Dada, Wolke Verlag Hofheim D
Johannes Baader, Das Oberdada, Wolke
Richard Huelsenbeck, Doctor Billig am Ende, Roman, Wolke.  

Alle Illustrationen ausser Leninzitat (Facebook) aus «Tatü Dada».


«Sie plusterten sich zu Herren des Erdballs auf»
Johannes Baader

Als man den Architekten Johannes Baader Oberdada 1916 in die deutsche Reichswehr einberief, schrieb er einen Brief an den Prinzen Friedrich-Wilhelm:

«Mein lieber Prinz. Ich bin heute Soldat in der Armee Deines Grossvaters, des Herrschers im Reich der Gewalt geworden. Da
ich Herr im Reiche des Geistes
bin, kann ich mich nicht unter
den Befehl eines geringeren Herrn stellen.
Ich bitte Dich und gebe Dir den Auftrag, Deinem Grossvater mitzuteilen: Ich befehle ihm, unmittelbar jede kriegerische Unternehmung zu unterlassen und Friedensverhandlungen unter meiner Leitung einzuleiten.
Mit meinen besten Grüssen für Deinen Grossvater und Dich
Johannes Baader»

Aufsehen erregt hatte auch sein Abwurf des Flugblatts «Die grüne Leiche» in der Weimarer Nationalversammlung in Berlin 1919 und die Störung des Gottesdiensts von Hofprediger Dryander im Berliner Dom im November 1918: Er soll von der Empore gerufen haben: «Ich frage Sie, was ist Ihnen Jesus Christus? Er ist ihnen Wurst!». Es soll einen Tumult gegeben haben, er wurde verhaftet, wegen Gotteslästerung angeklagt und wegen Mangel an Beweisen laufen gelassen.

Baader ist bekannt für seine pathetische und biblische Ausdrucksweise wie in diesem Textausschnitt:

«Und sie plusterten sich zu Herren des Erdballs auf. Aber sie hatten gemacht ohne den Wirt ihre Erdballsrechnung, und als der Wirt kam mit dem Rechnungspapier-stück, das ihre Schuld auswies, reichte alles Gold der Welt das sie gehamstert hatten, nicht dazu, das Verzehrte zu bezahlen. Sie wurden festgehalten, vor Gericht gestellt und so lange in den roten, ver- schlossenen Turm gelegt, bis sie auf Heller alle Schuld an dem Blute beglichen hatten, das ihr Aufstieg zur Weltherrschaft kostete.»

Fotomontage: Doppelporträt Raoul Hausmann (links) und Johannes Baader.