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Besprechen sich kurz, um einer Polizeikontrolle zu entkommen: Friedrich Engels und Karl Marx.   zVg
Materialisten gegen Propheten

Überzeugt durch Präzision und Nüchternheit ebenso wie durch Spannung, Leidenschaft und Humor: «Der junge Karl Marx» des haitianischen Regisseurs Raoul Peck, Spielfilm-Koproduktion der Länder Deutschland, Frankreich und Belgien, jetzt in den Kinos zu sehen.

Im dunklen Wald, Licht fällt hoffnungsvoll herein. Aber noch herrscht Dunkelheit vor. Mausarme Menschen sammeln dürre Äste zum Kochen und Heizen vom Boden auf. Doch die preussisch-aristokratischen Gesetze erlauben dies nicht, Häscher auf Pferden sind bereits hörbar, Schrecken in den Gesichtern, versuchte Flucht, fast alle werden massakriert. Bevor das laute und in seiner Grausamkeit nur angedeutete Massaker losgeht, spricht im Off ein ruhig und sachlich gesprochener Text davon, dass das Volk oft eine andere Auffassung über Besitz und Diebstahl habe als die Herrschenden. So startet der Film. Auch mit Action, aber auch mit Reflexion.
In Europa und Nordamerika blüht heute der irrationale, ignorante Antikommunismus bei einer grossen Mehrheit von Bevölkerung und Eliten kräftig weiter. Gleichzeitig ist die Schockwirkung des Untergangs der sozialistischen Staaten, damals ein Drittel der Welt, verebbt, und das immer enthemmtere Wüten des globalisierten Kapitals bringt auch Liberale zum Zweifeln.
In dieser Situation ist Platz für marxistische Parteien und vorurteilsfreie Filme über Marx und Engels. Mit Figuren wie Lenin, Mao und Stalin wäre das schon schwieriger. Engels wird zwar wie Marx als friedlicher Theoretiker wahrgenommen, der sich nicht die Hände mit Blut befleckt habe. Wäre bekannt, dass Friedrich Engels 1848/49 als Unteroffizier im pfälzischen Freikorps Willich gegen preussische Regimenter kämpfte, würde ihn die öffentliche antikommunistische Meinung wohl auch zu den Wüstlingen und Schlächtern zählen.

Gegen «vage Resümees»
Der junge, noch nicht ergraute Philosoph und Historiker Karl Marx ist 1842/43 Chefredaktor der liberalen «Rheinischen Zeitung» in Köln, die er stärker links positioniert und die Zensur ungeniert unterläuft. Kurz vor seiner Verhaftung, die Polizei steht vor der Tür, verspottet er seine Redaktionskollegen als «Junghegelianer» und «Freigeister», ihre Texte als «vage Resümees» und «vage Kritiken». Diese Filmszene ist wie so viele von jugendlicher Leichtigkeit und Leidenschaft getragen.
Der Aufrührer und Schreibtischtäter muss innerhalb von 24 Stunden das preussische Hoheitsgebiet verlassen. Karl und Jenny Marx gehen mit ihrem Säugling zuerst nach Belgien und dann nach England. Marx lehnt Engels zuerst als eitlen Geck und Fabrikantensöhnchen ab, ist aber fasziniert von seiner Studie über die Verelendung der englischen Arbeiterklasse. Die beiden schätzen die publizierten Werke des anderen und finden zu einer intensiven Zusammenarbeit, bei der zunächst «Das Kapital» entsteht. Engels arbeitet bis zum Bruch mit seinem Vater als Prokurist in der Textilfirma seiner Familie in Manchester.

Manifest statt Katechismus
Im «Bund der Gerechten» in London treffen Engels und Marx weitere Kommunisten und Sozialisten im Exil.
Sie schmeicheln Pierre-Joseph Proudhon und kritisieren ihn, sprechen von Wilhelm Weitling als «abgehobenem Schneider» und «suspektem Propheten», da er das «Königreich Christus auf Erden» errichten will und den «Kult des Neuen» ablehnt. Trotzdem setzen sich die Neuen mit ihren materialistischen Vorstellungen und der neuen Benennung der Organisation als «Bund der Kommunisten» durch. Den Auftrag, den «Katechismus des Kommunismus» zu schreiben, quittieren Marx und Engels mit Grinsen und verfassen «Das kommunistische Manifest». Jenny Marx, als entlaufene und verarmte Adlige sprach- und schreibgewandt, arbeitet intensiv mit am Werk.
Französisch wird ebenso oft gesprochen im Film wie Deutsch, zur Freude der koproduzierenden und zuschauenden Französischsprachigen. Englisch kommt auch vor, vor allem in den Londoner Sequenzen, Untertitel fehlen nicht. Marx wird gerne hämisch als Macho und patriarchalischer Familienvater bezeichnet,
in Raoul Pecks Film überhaupt nicht. Thematisiert werden auch Schwierigkeiten der finanziellen Abhängig-
keit von Jenny und Karl von Friedrich Engels, der sein Vermögen nicht verloren hat.

Kein Hollywood-Ende
Der relativ aufwändige Film, obwohl über zwei Stunden lang, ist spannend, kurzweilig und humorvoll. Er ist präzis und relativ nüchtern, ohne Sentimentalität in Regie, Schauspiel, Schnitt, Ton und Farbgebung, aber nicht ohne Liebe, nicht ohne Leidenschaft für die gerechte soziale Sache. Die Identifikation der Zu-
schauerInnen mit den Hauptfiguren wird gesucht, aber nicht penetrant. Es gibt kein Hollywood-Ende nach dem Rezept: die Liebenden endlich zusammen, die Bösen versenkt, die Idylle wiederhergestellt. Sondern:
Die Verhältnisse kurz vor der 1848er-Revolution in Deutschland sind klar benannt, die Energien der kommu-nistischen Bewegung gebündelt. Der Kampf geht weiter, und wir wissen aus der Geschichte, dass eine grosse Niederlage bevorsteht.

©Text Damian Bugmann 2017, Erstveröffentlichung Vorwärts Nr. 17/18.17


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Widersacher der bürgerlichen Halsabschneider zu übermächtigen Monstern stilisiert.        zVg

Hollywood: Krieg für bürgerliche Idylle

«Cowboys und Aliens» (2011) zeigt US-Siedler in Arizona Ende 19. Jahrhundert. Viele BewohnerInnen des Städtchens werden von Aliens entführt und beschossen, welche die Erde exzessiv ausbeuten wollen. Angesicht der drohenden Zerstörung der Menschheit tun sich Jake (Daniel Craig) und seine Banditen, Dorfbonze Colonel Dolarhyde (Harrison Ford) und lokale Indianer zusammen, um die Gefahr heldenhaft trotz der waffenmässigen Überlegenheit der blutsaugenden Monster abzuwenden. Alle Interessenkämpfe sind vergessen, die Konflikte werden nach aussen projiziert und gierig der Weg des Kriegs beschritten. Die «Guten» haben Kultur, Humor, Intelligenz, Mut, Herz, Durchhaltevermögen, Gefühl und Mitgefühl (für Ihresgleichen). Den «Bösen» bleiben nur Hinterlist, Hass, Rücksichtslosigkeit und blinde Zerstörungswut. Natürlich siegt nach zähen, verlustreichen Kämpfen «das Gute», alle Aliens und ihre Infrastruktur werden pulverisiert. Die bürgerliche Idylle ist wiederhergestellt, der Colonel macht weiter dicke Geschäfte auf Kosten der anderen, «Kriminelle» und Indianer sind wieder auf der Abschussliste.

Wie so oft in Hollywood wird die Heilsamkeit des Kriegs für Individuum und Gemeinschaft verherrlicht und gepredigt. Das Fremde ist lästig und wird in der Propaganda, in der patriarchalen Mythenfälschung masslos überhöht, um die Legitimität zu haben, es ausmerzen zu können. Die Wirklichkeit im Wilden Westen sah wohl eher aus wie in der Verfilmung des «Johnson County War» 1890 in Wyoming von Michael Cimino in «Heaven’s Gate» (1980), mit Kris Kristofferson, Isabelle Huppert, Christopher Walken und Jeff Bridges. Darin werben die reichen Rancher ruchlose Killer an, um 125 arme Einwanderer aus Osteuropa zu massakrieren, die sie als «Diebe und Anarchisten» bezeichnen, weil sie aus Hunger den Reichen Nahrung und Kälber stehlen. Die Armen wehren sich verzweifelt. In der konservativen Reagan-Aera wurde der Film zum kommerziellen und
Flop und erntete nur in Europa Beachtung, Respekt und Lob.

©Text Damian Bugmann 2017


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Patriarchats-Mythos aus der Hollywood-Küche
«Godzilla» 2014 – demnächst wieder im Heimkino

Lieutenant Brody, Familienvater, Held und Hansdampf in allen Blut- und Drecklöchern, und das japanische Urzeit-Monster retten die Vormacht der USA und die Welt vor zwei dank Radioaktivität furchtbaren und fruchtbaren Monstern, nachdem diese in etlichen Städten Massenpanik und Kollateralschäden hinterlassen haben.

Der Film will mit allen technischen und psychologischen Tricks einmal mehr beweisen, dass die USA das Monopol als Weltpolizist verdient haben und die Besten sind im Inszenieren von megabösen Megamonstern, die dann als Legitimation für ihre weltherrschaftlichen Gelüste und flächendeckenden Verwüstungen und Verseuchungen herhalten müssen.

Am Schluss überlebt die Kleinfamilie Brody und steht unerschütterlich in den Trümmern: Der Vater, dessen Eltern zu den ersten Opfern der radioaktiven Feindungeheuer gehörten, verletzt, blut- und dreckverschmiert, die Frau, natürlich hübsch und Krankenschwester, und der kleine Stammhalter, voll von Bewunderung nach überstandenem Trauma.
Genetisch überlegen und fruchtbar (wegen der radioaktiven Strahlung? Wegen der patriotischen Gesinnung?) werden sie einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung des lädierten gelobten Lands leisten.

© Text und Foto Damian Bugmann 2016                             
                                                                                       Mehr zum Thema Patriarchat:   SPIRITUALITÄT


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Mit Pepp und Optimismus auf der Seite der Reichen und Schönen   ---    TV-Kritik Episode «Reporter» SRF DRS Februar 2016

Die ganze Nation freut sich über alte Dame, die viel erlebt und den Holocaust überlebt habe, die mit über
90 noch in einer Talentshow mit einem gerappten Rocksong auftritt und aufgenommen wird. Die mit dem liberalen Credo sehen hier den Beweis, das jeder und jede in der heilbringenden Marktwirtschaft mit Pepp
und Optimismus Erfolg haben und noch im Alter lange gehegte Träume verwirklichen kann.

Im Laufe der «Reporter»-Episode kommen noch weitere Informationen dazu. Die rüstige Frau hat drei Ehemänner überlebt. Dabei muss sie nicht schlecht geerbt haben, denn sie besitzt ein Haus in New York
und eine geräumige Wohnung in Zürich und pendelt hin und her. Und sie beschäftigt einen persönlichen Mitarbeiter und zwei Musiker. Weitab von diesen Möglichkeiten sind die vielen Rentnerinnen und Rentner,
die eine wesentlich kleinere Rente haben oder nur 2000 oder 2500 Franken pro Monat inklusive Ergänzungsleistungen.

Die Pointe kommt etwa in der Mitte der Sendung: Auf dem sonst leeren Salontisch liegt das Magazin der rechtsextremen schweizerischen Partei bereit. Die Dame wollte schon lange nach ihm greifen und etwas darüber sagen. Die Reporterin lenkt mit Fragen ab, als sie sich nach der Zeitschrift beugt: Schnitt.

Als Jüdin liest die alte Dame dieses Presseprodukt wahrscheinlich gerne, weil es weder antijüdisch noch antizionistisch, sondern antiislamisch ist. Und als gut betuchte Zeitgenossin weiss sie, dass die popu-
listische Partei die Interessen der Reichen und grossen Unternehmen vertritt, obwohl sie vorgibt, für die Interessen des «kleinen Mannes» zu kämpfen.

©Text Damian Bugmann 2016


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Kleinbürger-Märchen

«Das Geheimnis von Murk» - bald wieder in Ihrem Sofakino

Die dörfliche und familiäre Idylle wird in diesem Schweizer Film
(2008) von Sabine Boss nach grossen Turbulenzen wiederhergestellt, das Gespür
für das Feinstoffliche fehlt

Kornfelder des Dorfs Murk
irgendwo in der Schweiz, ein bisschen ein Gefühl der Weiten der USA. Felix ist Erfinder, Sarah Künstlerin, Landwirtschaft ist der Nebenerwerb des Paars. Die lange Indienreise ist immer noch
wirksam. Die Althippies und Altlinken werden im Dorf nicht nur als Exoten, sondern auch als Versager angesehen. Denn sie machen die Macht- und Geldspiele im Dorf nicht mit. Um den längst fälligen Hypozins bezahlen zu können, spielen sie dann die dörflichen Korruptionsspiele
doch mit und vermarkten den Kornkreis, der eines Morgens ihr Weizenfeld schmückt.

Hollywood Suisse Miniature
Die Filmkomödie von Sabine Boss
ist mit Geschick in Szene gesetzt und in Bilder gebracht. Mit Humor, Flirts, Faustschlägen und Action à l’américaine, nur ein paar Nummern kleiner. Gesoffen wird barbarisch stilgerecht, der Joint degeneriert zum Klischee, naturmedizinisches Erfahrungswissen dient als Lachnummer. Der Allmachtsanspruch von Alkohol- und Schulmedizin-Industrie steckt den meisten tief in den Knochen. Das Gespür für feinstoffliche Energien fehlt, der Zusammen-
hang zwischen Spiritualität, natürlichen Energien und Kornkreisphänomenen ebenfalls.

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Behäbige Idylle
Der Schweizer Film siedelt die Freuden, Probleme und Konflikte gerne behäbig auf dem überschaubaren Dorf an. Dort kann gegen Schluss der Geschichte,
wenn die Situation am schlimmsten ist, wie in der Boulevardkomödie in Rekordzeit alles wieder eingerenkt werden von den Finanzen bis zur Liebesgeschichte. In der schlimmsten Not stehen alle zusammen und schaffen Übermenschliches, und bei der Zwangsversteigerung in Murk bleiben Haus und Land in der Familie – wie in Gotthelfs «Uli»-Roman und Schnyders Verfilmung.

©Text Damian Bugmann 2011
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Mehr über
den patriarchalen imperialistischen Antikommunismus:




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