STALINGRAD

image-8749856-Roter_Oktober.w640.jpg
Ruine einer Werkhalle des Stahlwerks «Roter Oktober», Stalingrad,  Januar 1943.     Foto: zVg

Ein globaler Wendepunkt

dab. Im Frühjahr vor 75 Jahren siegte die Rote Armee der Sowjetunion nach massenhaften, grausamen und verlustreichen Zerstörungen, Misshandlungen und Tötungen in Stalingrad über die faschistische deutsche Wehrmacht. Dies führte zu einer Wende im sowjetisch-deutschen Krieg und im Zweiten Weltkrieg.

Anfang November 1942 hatte die Wehrmacht 90 Prozent des Stadtgebiets von Stalingrad erobert. Doch die vollständige Eroberung der zerstörten Stadt gelang aufgrund des enormen Widerstands der Roten Armee nicht. Die deutschen Truppen und ihre Verbündeten, vor allem Rumänen und Kroaten, wurden am 19. November 1942 durch die sowjetische Gegenoffensive eingekesselt. In Deutschland wurde noch an Weihnachten 1942 in Radio und Wochenschauen innige Verbundenheit mit den mannhaft tapferen (in Wirklichkeit ausgehungerten, traumatisierten, kranken und erfrierenden) Soldaten zelebriert und Durchhaltewillen und Siegeszuversicht markiert. Doch andere, zum Beispiel chinesische KommunistInnen, schätzten die Lange ganz anders ein: «Ich glaube fest daran, dass der Jahrestag der Oktoberrevolution in diesem Jahr nicht nur den Wendepunkt im sowjetisch-deutschen Krieg, sondern auch den Wendepunkt auf dem Weg zum Sieg der antifaschistischen Weltfront über die Front des Faschismus bedeutet», schrieb Genosse Mao Tse-tung zum 25. Jahrestag der Oktoberrevolution am 6. November 1942 (Ausgewählte Werke Band 3, Peking 1969).

Einkesselung der Deutschen
Wie gleichzeitig vor Leningrad wurden die Naziinvasoren in Stalingrad im Frühjahr 1943 mit ihrer eigenen und für sie vorher sehr erfolgreichen Einkesselungstaktik besiegt. Der identitätsstiftende, verlustreiche Abwehrkrieg gegen die Faschisten in den Ruinen der Stadt stärkte das Selbstbewusstsein der Sowjetunion gegen innen und aussen. Hitlers Verbündete Italien, Ungarn und Rumänien mussten in Stalingrad erhebliche Verluste hinnehmen und begannen danach, sich von Deutschland zu distanzieren, um einen Separatfrieden mit der Antihitlerkoalition zu schließen. In Italien trug die Niederlage ein paar Monate später zum Sturz des Diktators Benito Mussolini bei und führte dazu, dass Italien im Krieg die Seiten wechselte. Die spanische Falangistendivison wurde ins Francoland zurückbeordert, doch ein Teil von ihr blieb bis zur Kapitulation in Berlin dabei.
Mit neuem Elan machte sich die Rote Armee zum Gegenstoss bis Berlin auf, wo sie Anfang Mai 1945 eintraf. Der grosse Erfolg ermunterte die Partisanenkämpfe in den besetzten Gebieten und den Vorstoss der Westallierten nach Deutschland. Bis heute aber spielen bürgerliche Geschichtsschreibung und Massenmedien in Einklang mit der 1947 lancierten antikommunistischen Propaganda den grossen Beitrag der UdSSR zum Sieg über die Nazis herunter oder ignorieren ihn, um die Erfolge der USA und der Westallierten zu erhöhen.

Umkämpfte Stadt
Bis 1925 hiess die Stadt an der Wolga noch Zarizyn, dann wurde sie zu Ehren von Josef Stalin, der hier im Bürgerkrieg als Armeekommissar tätig gewesen war, in Stalingrad («Stalinstadt») umbenannt. Während der sogenannten Entstalinisierung wurde sie 1961 schliesslich Wolgograd getauft. Die Stadt liegt etwa 1000 Kilometer südöstlich von Moskau am westlichen Ufer der Wolga und rund 400 km nördlich der Mündung des Flusses ins Kaspische Meer. Sie erstreckt sich heute in einer Breite von bis zu 10 Kilometern über 60 Kilometer am Ufer der Wolga entlang.
Bereits im so genannten Bürgerkrieg, dem Krieg der Weissen Truppen und der Westalliierten gegen die Oktoberrevolution von 1917 bis 1920, hatte es um Wolgograd erbitterte Kämpfe gegeben um die Stadt an der Kreuzung der Transportwege vom Süden des Landes nach Moskau und Petrograd/Sankt Petersburg (Leningrad). Während des Eroberungsfeldzugs von Nazideutschland fanden in Stalingrad (wie vor Leningrad und Moskau) 1942/43 grausame Kämpfe zwischen faschistischen deutschen und der sozialistischen russischen Truppen statt, enorme Zerstörungen blieben zurück. Von Deutschland wurde der von 1941 bis 1945 dauernde Krieg als «Russland- oder Ostfeldzug» bezeichnet, von der Sowjetunion als «Grosser Vaterländischer Krieg», die bürgerliche Geschichtsschreibung nennt ihn «Deutsch-Sowjetischer Krieg». Der Krieg begann am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion («Unternehmen Barbarossa») und endete nach der Schlacht um Berlin am 8./9. Mai 1945 mit dem Selbstmord Hitlers und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Er forderte zahlreiche Millionen Todesopfer.

Symbolische Bedeutung
Im Rahmen der sowjetischen «Operation Uranus» in Stalingrad wurden die sowjetischen Truppen von über 230 000 Soldaten der deutschen 6. Armee im Spätsommer 1942 von drei Seiten eingekesselt. Der deutsche Angriff hatte am 23. August 1942 mit einer massiven Bombardierung der Stadt durch die Luftwaffe begonnen. Im September erreichten die Kämpfe die Innenstadt, wobei mehrere zentrale Punkte, darunter der Hauptbahnhof und der Mamajewhügel, mehrmals von beiden Kriegsparteien erobert wurde. Die verteidigenden Truppen der Roten Armee konnten nur durch Schiffe ihren Nachschub vom unbesetzten Ostufer der Wolga erhalten. Ziel der Wehrmacht war es, durch die Einnahme der Stadt den Schiffsverkehr auf der Wolga zu unterbinden, über die unter anderem Hilfslieferungen der Alliierten vom Persischen Korridor und durch das Kaspische Meer nach Nord- und Zentralrussland transportiert wurden. Für die Deutschen war es symbolisch wichtig, die Stadt, die den Namen des wichtigen Bolschewiki, Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU und Vorsitzender des Rats der Volkskommissare trug, zu erobern, für die Russen, sie nicht den faschistischen Truppen zu überlassen.

Alptraum statt Vernichtung
Am 31. Januar 1943 ergaben sich die Reste der 6. deutschen Armee unter Generalfeldmarschall Friedrich Paulus im Südkessel, am 2. Februar 1943 im Nordkessel. Der Traum vom Blitzkrieg zur Knechtung der slawischen Untermenschen, der Vernichtung von Bolschewismus und Ostjudentum und für Land, billige Arbeitskräfte und Erdöl war zum Alptraum geworden und nach 200 Tagen vorüber. Über 100 000 deutsche und verbündete Soldaten gingen in Gefangenschaft. Stalingrad war fast vollständig zerstört. Mit dem Wiederaufbau wurde unmittelbar nach der Befreiung im Februar 1943 begonnen. Im selben Jahr wurde auch die Städtepartnerschaft mit dem durch deutsche Luftangriffe stark zerstörten englischen Coventry geschlossen. 1945 erhielt Stalingrad den offiziellen Titel «Heldenstadt». In der Stadt wurden die drei sowjetischen Kriegsgefangenenlager und das Kriegsgefangenenspital eingerichtet.


©Text Damian Bugmann 2018, Erstveröffentlichung Vorwärts Nr. 3/4.18

Vom Held zum Monster

dab. Der Sieg der Roten Armee in Stalingrad im Frühling 1943 und ihre erfolgreiches Vorstossen  nach Berlin brachten die Sowjetunion und Stalin in eine starke Verhandlungsposition auf der Konferenz von Jalta auf der Krim im Februar 1945. Die Alliierten lancierten darauf den Kalten Krieg.

Die Sowjetunion hatte den grössten Anteil gehabt am Sieg über die Nazis und Josef Stalin konnte nicht als halbstarker Provinzdiktator behandelt werden. Er kam auch nicht reumütig dahergeschlichen, um sich für die Zuwiderhandlungen gegen die kapitalistischen Regeln zu entschuldigen und hoch und heilig zu schwören, die Kollektivierung rückgängig zu machen und bürgerliche Wahlen durchzuführen. Es gurkte die Engländer Und Amis grausam an, dass der Chefkommunist als geschickter Diplomat, grosser Staatsmann und grosszügiger Gastgeber auftrat und nicht abgekanzelt und mit Trostpreisen versehen in die Wüste geschickt werden konnte, um bald darauf Opfer eines gesteuerten Regime Change zu werden. Und es gurkte die Engländer und Amis grausam an, dass Polen kommunistisch bleiben sollte und dass die UdSSR in Osteuropa einen Gürtel von befreundeten Staaten gegen westliche Angriffe wollte und bekam – ein Schutz, den das selbstbewusste kapitalistische Russland heute verloren hat: Bundeswehr und Nato stehen seit dem letzten Jahr weit im Osten, ähnlich wie 1942 die Wehrmacht und ihre Verbündeten. Nur Weissrussland hält den intensiven Verlockungen, Intrigen und Umsturzversuchen des Westens noch stand.

Kommunismusaustreibung
Der eigentliche Feind «Bolschewismus» war vom faschistischen Deutschland nicht beseitigt, sondern durch dessen Angriff gestärkt worden, feierte militärische Erfolge in Europa und im Pazifik und störte die imperialistischen kapitalistischen Mächte. Stalin und die Sowjetunion waren in Europa und Asien als Befreier und Retter der europäischen Zivilisation beliebt, China arbeitete an der sozialistischen Revolution und in Deutschland hätte laut Umfragen eine Mehrheit der kapitalistischen Untertanen eine Planwirtschaft der Marktwirtschaft vorgezogen. Deshalb wurde nicht nur mit der atomaren Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki gebolzt, sondern auch ab 1947 eine gewaltige antikommunistisch-rassistische Propagandamaschine in Gang gesetzt, die die Sieger von Stalingrad und Befreier Osteuropas zu blutrünstigen, hinterlistigen Schurken und zu unfähigen, herzlosen Bürokraten machte. Von den Nazis musste man sich angesichts der nicht zu leugnenden Verbrechen distanzieren, also musste die Sowjetunion mindestens ebenso grausam dargestellt werden.
In den USA galt Josef Stalin unter Präsident Franklin D. Roosevelt noch als Kriegsheld, unter Harry Truman als Monster. Auch der britische Ex-Premierminister Winston Churchill schwenkte 1946 wortreich um und lancierte gewichtig den Begriff des «Eisernen Vorhangs», um Einigkeit mit den US-Allierten zu zeigen und die Sympathien für Sozialismus und Kommunismus in Europa und auf der ganzen Welt nachhaltig auszutreiben.

Konsum, Eroberungen, Massaker
Laute und ständig wiederholte Propagandafälschungen allein genügten aber nicht als Waffe gegen ernsthafte Solidarität und soziale Gerechtigkeit, es brauchte eine deftige wirtschaftliche Prosperität mit vielfältigen Konsumangeboten in Deutschland und anderen Staaten, um Politiker, Medienschaffende und eine Bevölkerungsmehrheit in der Tasche zu haben. Eilig musste der «Marshall-Rettungsplan« her, das «Wirtschaftswunder» wurde von den USA lanciert. Unabdingbar waren im Kalten Krieg auch geheimdienstliche und militärische Offensiven, atomares Wettrüsten, grausame Eroberungskriege und Massaker wie in Korea, Vietnam und Indonesien.
Es brauchte noch 45 Jahre harte und fiese Diffamierungs-, Infiltrations- und Interventionsarbeit- bis die imperialistischen Mächte die Mutter der Weltrevolution beseitigen konnten, China wurde frühzeitig diplomatisch und wirtschaftlich abgespaltet. Die antikommunistische patriarchale Geschichtsfälschung ist deshalb heute auf dem Planeten so tief verinnerlicht wie noch nie. Systemkritik gilt im Mainstream als unanständig, dogmatisch und veraltet. Wer sich als links  definiert, muss sich heute sozialdemokratisch bei den Bürgerlichen anbiedern, um sich nicht heftigen antikommunistischen Emotionen auszusetzen.

©Text Damian Bugmann 2018, Erstveröffentlichung Vorwärts Nr. 3/4.18

image-8749886-Jalta_1945.w640.jpg
Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin auf der Konferenz von Jalta 1945.    Foto: zVg