BERT BRECHT

«Schuldig bei Verdacht»: Siehe unten.

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Der Kommunismus ist das Mittlere

Zum Umsturz aller bestehenden Ordnung aufzurufen
Scheint furchtbar.
Aber das Bestehende ist keine Ordnung.

Zur Gewalt seine Zuflucht zu nehmen
Scheint böse.
Aber da, was ständig geübt wird, Gewalt ist
Ist es nichts Besonderes.

Der Kommunismus ist nicht das Äusserste
Was nur zu einem kleinen Teil verwirklicht werden kann,
sondern
Vor er nicht ganz und gar verwirklicht ist
Gibt es keinen Zustand, der
Selbst von einem Unempfindlichen ertragbar wäre.

Der Kommunismus ist wirklich die geringste Forderung
Das Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige.
Wer sich gegen ihn stellt, ist nicht ein Andersdenkender
Sondern ein Nichtdenkender oder ein nur Ansichdenkender
Ein Feind des Menschengeschlechtes
Furchtbar
Böse
Unempfindlich
Besonders
Das Äusserste wollend, was selbst zum kleinsten Teil
verwirklicht
Die ganze Menschheit ins Verderben stürzte.



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«Schuldig bei Verdacht»

Um 1950 betrieb das «Komitee für unamerikanische Umtriebe» im mittelständischen Hollywood eine antikommunistische Hexenjagd und richtete grosse wirtschaftliche, politische und psychosoziale Schäden an. Der deutsche Theaterschaffende im Exil
und Drehbuchautor Bertolt Brecht entkam im Herbst 1947 geschickt.

©Text Damian Bugmann 2017

Der dokumentarische US-Spielfilm «Schuldig bei Verdacht» von Irwin Winkler von 1991 mit Robert de Niro in der Hauptrolle zeigt die offiziellen Übergriffe auf sozial aufstrebende Links-liberale. Wegenihrer meist früheren politischen Tätigkeit in linken Parteien, Gruppen und Solidaritätskomitees, die für die an den Kriegsfolgen leidende Bevölkerung der Sowjetunion sammelten, werden vor allem Drehbuchautor*innen, aber auch Regisseur*innen und Schau-spieler*innen vor dem Komitee verhört, um sich selbst zu belasten oder zu entlasten und Na-men, Namenslisten, Protokolle, Orte von privaten linken Zusammenkünften und wer dort was sagte, anzugeben, damit weitere Menschen verhört werden können. Der Verdacht, links zu denken und/oder Mitgliedder Kommunistischen Partei der USA gewesen zu sein, gilt als Be-
weis.

Viel antikommunistischer Lärm
Das Komitee für unamerikanische Umtriebe befasste sich seit 1938 immer mehr mit Linken
und Kommunist*innen und immer weniger mit deutschen und japanischen Faschisten. Man witterte umstürzlerische kommunistische Zellen und wollte ihnen das Handwerk legen. Anfang 1945 wurde das Komitee als ständiger Ausschuss des US-Repräsentantenhauses etabliert.
Zur gleichen Zeit machte der unzimperliche republikanische Senator Joseph McCarthy viel antikommunistischen Lärm, um 1952 wiedergewählt zu werden. Mit dem Ständigen Senats-Unterausschuss für Untersuchungen wetteiferte er mit dem Komitee für unamerikanische Umtriebe um sensationelle Enthüllungen und Schlagzeilen.

Wirtschaftlicher und sozialer Druck
Zuerst sind im Film alle Figuren sympathisch solidarisch und erklären, ganz sicher nicht zu Denunzianten an Freund*innen und Kolleg*innen zu werden, sagen aber dann doch aus. Der wirtschaftliche und soziale Druck wird zu gross. Bei Nicht-Kooperation werden sie vom FBI überwacht und belästigt, erhalten faktische Berufsverbote, ihre Karrieren werden ruiniert, sie geraten in soziale Isolation, müssen das Eigenheim verkaufen, geraten in Trennung/Scheidung und/oder Alkoholismus. Um dies zu verhindern, kooperieren die allermeisten, eine Schauspie-lerin macht Selbstmord, ein europäischer Drehbuchautor reist in sein Ursprungsland zurück. Politische und soziale Strukturen werden zerschlagen. Der Film «Schuldig bei Verdacht» zeigt diese moderne Hexenjagd gut und für Hollywood relativ nüchtern.

Exil in Europa und den USA
Der deutsche Theater- und Literaturschaffende Bertolt Brecht (1898-1956) entkam 1933 seiner Verhaftung, gleich nach dem Reichstagsbrand verliess er Deutschland. Seine Bücher wurden zusammen mit denen vieler anderer jüdischer und antifaschistischer Autor*innen öffentlich verbrannt. Er verbrachte einen Teil seines Exils in den USA, einen Teil in Europa: Prag, Wien, Zürich, Tessin, Kopenhagen, Helsinki, Moskau. Er traf exilierte und einheimische Kultur-schaffende, schrieb und reiste viel und suchte und fand Theater, die Stücke von ihm aufführten.

1935 ging er nach Moskau und New York, im Jahr darauf nahm er an einer antifaschistischen Kundgebung in New York teil und editierte in Moskau mit Willi Bredel und Lion Feuchtwanger
die literarische Zeitschrift «Das Wort». 1939 und 40 weilte Brecht in Schweden und Finnland,
im Jahr darauf reiste er über Moskau und Wladiwostok an die Westküste der USA und arbeitete dann in Santa Monica, fünf Meilen vor Hollywood.

1947 wurde Bertolt Brecht vom antikommunistischen Komitee in Washington verhört. Die Grossmacht USA wollte prüfen, ob seine Gesinnung für ihre Absichten schädlich sei, die Gross-Zmacht, die im vom Krieg zerstörten und faktisch bereits besiegten Japan kurz zuvor noch schnell zwei Atombomben getestet und dabei zwei Städte zerstört und verseucht hatte, und
die sich anschickte, die Welt militärisch, wirtschaftlich und politisch zu beherrschen.

Schizoid Drehbücher verkaufen
Brechts Theaterstücke und Bücher brachten nicht viel ein, er war gezwungen, auch Drehbücher an die Filmindustrie zu verkaufen. In einem Gedicht hielt er diese schizoide Situation fest:
«Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen/Gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden./ Hoffnungsvoll/Reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer.» Für sich schrieb er kleine, böse Analysen der US-Gesellschaft. Mit dem Schauspieler Charles Laughton verstand er sich sehr gut, die beiden entwickelten 1946 die Figur des Galileo Galilei und das Drama «Leben des Galilei» für kommende Aufführungen in Beverly Hills, New York und Europa.

Das Publikum lachte viel
Am 30. Oktober stand Brecht Red’ und Antwort vor dem Komitee für unamerikanische Um-
triebe in Washington. Er sprach langsam, ruhig und überlegt, war erpicht darauf, niemanden
zu verraten und machte Sprüche, über die das zahlreiche Publikum gerne lachte. Auf YouTube hat es Ausschnitte aus den Verhören. Die Frage nach «sehr revolutionären» Texten, die er geschrieben haben solle, beantwortete er so: «Ich schrieb eine Anzahl Gedichte, Lieder und Theaterstücke im Kampf gegen Hitler, die man deshalb revolutionär nennen könnte, weil sie
dazu dienten, dieses Regime zu stürzen.» Nächste Frage: «Mister Brecht, haben Sie philo-sophische Werke von Lenin und Marx gelesen?» - «Selbstverständlich musste ich Marx’ Ideen zur Geschichte studieren, um historische Theaterstücke schreiben zu können», war die listige Antwort, «ich denke, dass heute intelligente Stücke nicht geschrieben werden können ohne solche Studien, da die Geschichte stark von diesen Ideen beeinflusst ist.» Ein Komiteemitglied las ein kompromittierendes Gedicht auf Englisch vor und wollte wissen, ob er das geschrieben habe. «Nein, denn das deutsche Gedicht, das ich schrieb, tönt ganz anders!» - lautes Lachen
im Saal.

Die ehrliche Antwort auf die für das Komitee eminent wichtige Frage, ob er je Mitglied irgend-einer kommunistischen Partei gewesen sei, lautete: «Ich bin und war nie Mitglied einer kommunistischen Partei. Ich war und bin ein unabhängiger Schriftsteller ( ... ).» Er denke, es
sei deshalb das beste, in keine Partei einzutreten. «Ich schrieb nicht nur für deutsche Kom-munisten, auch für sozialdemokratische Arbeiter, katholische Gewerkschafter und für Arbeiter,
die nie in einer Partei waren.»

Und ab nach Europa
Brecht war zusätzlich im Vorteil, weil er in den USA weder Familie noch Verwandte noch Ei-genheim noch festes Einkommen hatte. Am Tag nach dem Verhör bestieg er das Flugzeug in
die Schweiz, um in Zürich und Chur eigene Stücke zu inszenieren. Für die Galilei-Aufführung vom 7. Dezember in New York ging er noch einmal zurück und musste ein weiteres Mal vor
dem Komitee erscheinen, das offenbar nicht mehr aus ihm herausbekam.

Hanns Eisler hatte vor dem Komitee mehr Stress. Der österreichische Komponist und Musiker, der viel mit Brecht arbeitete und nach seinen Aussagen vor dem Komitee aus den USA aus-gewiesen wurde, sagte: «Dieses Verhör ist unheimlich und lächerlich zugleich. Das Komitee
ist an meiner Aussage gar nicht interessiert. Es hat nur zwei Interessen: mich als Monster zu präsentieren und mich wegen Meineides ins Gefängnis zu stecken. Ich fühle mich wie ein Ein-geborener, der sich mit Pfeil und Bogen gegen die Atombombe wehren muss.»


Erstveröffentlichung vorwärts Nr. 35/36.17


Die Art und Weise, wie am Broadway oder in Hollywood gewisse Spannungen und
Emotionen erzeugt werden,
mag kunstvoll sein, jedoch
dient sie nur dazu, die
entsetzliche Langeweile zu bekämpfen, welche eine ewige Wiederholung der Unwahrheit
und
Dummheit in jedem
Publikum
erzeugt.


Diese «Technik» wird dazu verwendet und ist dazu ent-
wickelt, an Dingen und Ideen

Interesse zu erwecken, die
nicht im Interesse des

Publikums sind.


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