KATYN


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Das antikommunistische Mahnmal in Katyn für die angeblich von den Sowjets 1940
in Katyn und anderswo in der Ukraine begangenen Massaker an polnischen Kriegs-
gefangenen.                                                                                           Foto: wikipedia


Der Westen glaubt den Nazis

Die deutschen Besatzer präsentierten 1943 bei Katyn in der heutigen Ukraine tausende von Leichen von polnischen Kriegsgefangenen als Ergebnis eines sowjetischen Massa-kers. Nikita Chruschtschow klagte seinen Vorgänger Josef Stalin an, 61 schwere Ver-brechen begangen zu haben. Der nordamerikanische Historiker Grover Furr beleuchtet beides sehr kritisch.

Grover Furr, Geschichts-Professor an der Montclair State University New Jersey, studierte regelmässig russische Originalwerke und -dokumente. Er stellte fest, dass im englischsprachi-gen Standardwerk des Princeton-Geschichtsprofessors Stephen Kotkin «Stalin. In Erwartung Hitlers, 1929 bis 1941» über die schröcklichen Stalinschen Verbrechen und Massaker die Fussnoten die antikommunistischen Aussagen nicht stützten, sondern ihnen widersprachen.

Chruschtschow und Trotzki spalteten die Linke
Sein weiteres ausgiebiges Studium der russischen Quellen bestätigte seine Erkenntnis. 60 der
61 Verbrechen und Massaker, mit denen Nikita Chruschtschow den antirevisionistischen Stalin
in seiner «Geheimrede» nach dessen Tod im Februar 1956 angeklagt hatte, erwiesen sich laut seinen Nachforschungen als Lügen: Die Verbrechen und Massaker hätten nicht stattgefunden oder seien von den Nazis begangen worden, bei einem sei die Faktenlage zu dünn, um zu einer Entscheidung zu kommen. «Chruschtschows Rede war ein extrem harter Schlag, von dem sich die weltweite kommunistische Bewegung nie erholte», so Furr. Und: «Indem sie ihre Arbeiten
auf Chruschtschows (und Trotzkis) Lügen gründeten, fälschten sowjetische und westliche anti-stalinistische Historiker*innen in Wirklichkeit die sowjetische Geschichte. Alles, was wir über die Stalinjahre zu wissen glaubten, hat sich als falsch erwiesen. Die Geschichte der UdSSR und der kommunistischen Bewegung des Zwanzigsten Jahrhunderts muss komplett neu geschrieben werden.»

Westallierte und UdSSR spalten, Polen gegen die Sowjetunion aufhetzen
Grover Furr beschäftigte sich intensiv mit dem angeblich sowjetischen Massaker in Katyn in der Nähe von Smolensk in der westlichen Sowjetunion (heute ukrainisches Gebiet). Im April 1943 erklärten die deutschen Behörden, sie hätten auf ihrem Ostfeldzug die Leichen von 4'400 von Sowjetrussland ermordeten polnischen Kriegsgefangenen in einem Wald bei Katyn ausgegra-
ben und präsentierten sie der internationalen Öffentlichkeit – offenbar in der Absicht, die West-allierten und die Sowjetunion zu spalten und Polen gegen die Sowjetunion aufzuhetzen. Die polnische Exilregierung war spontan mit der Erklärung der Deutschen einig und verbreitete sie
in der westlichen Welt.

Später behauptete der Westen, in Polen seien 22'000 bis 25'000 ausgegrabene Leichen von Offizieren, Polizisten und Angehörigen von Vorkriegseliten der Zweiten Polnischen Republik auf Anordnung von «Diktator Josef Stalin» umgebracht worden. Die offizielle antistalinistische, westliche Version ist auf der Wikipedia-Webseite nachzulesen.

Untersuchung der Burdenko-Kommission
Im Januar 1944, die Rote Armee hatte die deutsche Wehrmacht soeben nach Westen verjagt, untersuchten die sowjetischen Behörden den Fall. Der Bericht der Burdenko-Kommission gab eine ganz andere Beschreibung der Ereignisse und erklärte, die Morde seien nach 1941, also
zur Zeit der deutschen Besatzung, begangen worden. Und natürlich glaubte und glaubt der Westen den Nazis, die dafür bestimmt waren, die Sowjets und den Kommunismus zu diffamie-ren, zu zerstören und den Kapitalismus zu retten. Die Administrationen Gorbatschow und Jelzin erklärten dann Anfang der Neunziger Jahre zur Freude des Westens die antikommunistische Version der Nazis und Westalliierten als der Wahrheit entsprechend und präsentierten gefälschte Beweise.

Grosser politischer Historikerstreit
1992, unter Boris Jelzin, wurden streng geheime russische Dokumente, die Furr «Smoking Gun Documents» nennt, die die sowjetische Schuld beweisen sollten, der polnischen Regierung übergeben. In seinem 1995 erschienen Buch über die Katyn-Morde zeigte Juri Mukhin auf, dass die «Smoking Gun Documents» Fälschungen waren und die Geschichte des Katyn Massakers eine Fiktion, die bezweckte, die Zerstörung der Sowjetunion zu erleichtern. Das Buch stützte die Position der russischen Kommunist*innen und der linken Nationalist*innen. Ein grosser politi-scher Historikerstreit war die Folge. «2010 wurden dann ernsthafte Beweise entdeckt, die ge-
gen die sowjetische Schuld sprechen», hält Grover Furr in seinem Buch «Das Geheimnis des Massakers von Katyn» fest. Er identifizierte und prüfte alle Beweise und studierte auch die offi-zielle westliche Version. Siehe auch seine Webseite «Katyn Forest Whodunnit».

«Sardinenpackungen» nach SS-Art
Prosowjetische Forscher kamen zum Ergebnis, die Sowjets hätten eine kleine Anzahl polnischer Kriegsgefangener, Offiziere und andere, erschossen. Den Rest hätten die Nazis nach ihrer Inva-sion von Polen umgebracht. Grover Furr hält diese Version für die wahrscheinlichste. Dies unter anderem weil die 2010 bis 2012 aus Massengräbern ausgegrabenen Leichen zeigten, dass die Menschen nicht standrechtlich füsiliert, sondern nach Nazi-Art von hinten erschossen worden waren. Die Anordnung der Leichen in den Massengräbern war auch nach der Gewohnheit der routinierten und spezialisierten SS wohl geordnet, zum Beispiel in ihrer Form der  «Sardinen-packung». Die Tatsache, dass auch Kinderleichen ausgegraben wurden, weist ebenfalls auf die Nazis: «Die Sowjets exekutierten keine Kinder», schreibt Grover Furr.


©Text Damian Bugmann, vorwärts Nr. 03/04.20

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