LITERATUR

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 Rezension der deutschen Neuübersetzung von John Lennons «In His Own Write», 1964          

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Effekte statt Experimente

Die zum ersten Mal vollständig online veranstalteten 42. Solothurner Literaturtage
setzten das Programm der Privatisierung von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und politischen Problemen erfolgreich fort. Erinnerungen an politischere Zeiten und
an Niklaus Meienberg, Journalist und Schriftsteller, der dieses Jahr 80 Jahre alt ge-
worden wäre.

Monika Helfer gewann mit ihrem aktuellen Roman «Die Bagage» den Literaturpreis der Lite-raturtage 2020. Sie schreibt so, wie es Verlage, Medien und eine breite Leserschaft wünschen. Sie frönt der apolitischen Sensibilität und Innerlichkeit. Beschreibt im Roman Familienschick-
sale, moralische und gesellschaftliche Enge auf dem Land, Konkurrenz, Prüderie, Diskrimi-nierung und Ausgrenzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die etablierte Literatur, das mach-
ten die Online-Literaturtage einmal mehr sichtbar, meidet die heutigen, neuen Formen dieser Zustände in Stadt und Land. Politische Stoffe werden nur behandelt, wenn sie verjährt in der Vergangenheit liegen wie der Zweite Weltkrieg oder die Verfolgung der Fahrenden in der Schweiz. Man blendet öffentliche Auseinandersetzungen mit realen Widersprüchen aus, man beschäftigt sich viel lieber mit besser verkäuflichen Familiengeschichten, mit Persönlichkeits-entwicklung, Heimatsuche, Flucht aus dem Alltag, mit Emotionen, Atmosphären, Kriminalge-schichten und Frauenbiografien.

Phantasie und Fiktion
Auch Tom Kummer flüchtet in seinem neuen Roman «Von schlechten Eltern» in die Phantasie. Seine Hauptfigur, ein Chauffeur, ist nachts oft in der Diplomatenlimousine unterwegs. Kummer sagte an den Literaturtagen, er habe bei der Arbeit am Roman bei Tag die Schweiz gemieden, um sich ihr so nach langer Abwesenheit in den USA wieder zu nähern, er habe, ähnlich wie
seine Hauptfigur, nächtliche Autofahrten im Berner Oberland und am Jurasüdfuss genossen.

Der Berner Journalist und Autor Kummer verkauft ich schon lange als «Borderliner». Er ist bekannt für Plagiate, das Abschreiben von Abschnitten und Sätzen aus veröffentlichen litera-rischen und journalistischen Werken. Er mischt Fiktion und Realität, zum Beispiel indem er in früheren Jahren imaginäre Porträts von Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Sharon Stone als
reale Interviews verkaufte. Dabei geht es ihm um Stil, Originalität und das Punkten im ver-schärften Wettbewerb. Politisches Engagement ist kein Thema.

Roman als Königsdisziplin
Der Kulturbetrieb des beginnenden 21. Jahrhunderts ist eine Folge der neoliberalen Konter-revolution der Achtziger und Neunziger Jahre. Die in Nischen praktizierten progressiven
Lebens-, Gesellschafts-, Politik-und Wirtschaftsentwürfe gerieten damals unter starken neo-liberal-neokonservativen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck und wurden exorziert.
In den 80er-Jahren wurde in den Medien und an den Literaturtagen den Schreibenden und
dem Publikum eingebläut, doch nicht immer und überall Probleme zu suchen und herumzu-mäkeln, man wolle jetzt endlich spannende Geschichten erzählt bekommen.


Die Romanform des 19. Jahrhunderts wurde zur Königsdisziplin gekürt. Historische Romane
wie der von Jürg Weibel über den in den USA stinkreich gewordenen Schweizer «General» Johann August Sutter wurden freudig begrüsst. Experimente mit der Form waren «out»,
schrille Effekte «in». Hansjörg Schertenleib setzte in seiner Prosa auf Hingucker wie dicke
alte Frauen auf schweren Motorrädern - und wurde mit Preisen überschüttet.

Energischer Rerchercheur
Niklaus Meienberg war einer der letzten in Journalismus und Literatur, die sich klar politisch äusserten und herkömmliche Formen und Stile aufbrachen. Er war ein, ein brillanter und lustvoller Sprachwerker, der trotz Erfolg mit Reportagen, Prosa und Lyrik an den Widersprüchen, an der Arroganz des Bürgertums und der Gängelung der Linken durch das System scheiterte. Sein Engagement gegen den US-Golfkrieg von 1991 wurde nicht verstanden. 1993 mit 53 Jah-ren wählte er den Ausgang durch Suizid. Seine Auftritte bleiben in Erinnerung: Nicht nur seine wilden Haare, auch die bequeme Kleidung mit zerknitterten Hemden und ohne Reversjacke.
Er schrieb nicht ohne Konflikte für WoZ, Tagesanzeiger und die damals noch linksliberale Weltwoche.

Präsenz und Brillanz
Bei Meienbergs Präsenz und Brillanz konnte ihm der eine oder andere Preis nicht verwehrt werden. Sogar seine Heimatstadt St. Gallen kam 1990 nicht darum herum, ihm den Kulturpreis zu verleihen. Obwohl er sich nicht scheute, die geistliche und politische Obrigkeit des Kantons und den St. Galler Repressions- und Fichierungsspezialisten im Bundesrat, Kurt Furgler (FDP), anzugreifen. Die letzte progressive Welle 1989, der hohe Ja-Anteil der Armeeabschaffungs-Initiative der GSoA und die Empörung über den Fichenskandal, stärkten ihm den Rücken. In seiner in der WoZ veröffentlichten Dankesrede zum Preis nimmt er Furgler und den St. Galler Freisinn aufs Korn.

Abverstrupfter Klosterschüler
Der Historiker erinnert sie darin an die freisinnigen Volksversammlungen am Ende des Ancien Regimes in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts, mit denen «dem Fürstabt von St. Gallen
eine Art Verfassung abgetrotzt wurde.» Um sich nicht allzu fest ins Abseits zu begeben, ver-gleicht er die Bespitzelung und Fichierung mit Methoden der im Untergang begriffenen Deu-tschen Demokratischen Republik. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass er mit solchen Verglei-
chen das bürgerliche System lobt, das ihn und viele andere bespitzelt hat. In dieser Rede tritt
er als Niklaus Meienberg II auf, das angriffige und für die Medien griffigere «Duplikat» des ungleich sensibleren «Originals» Meienberg I, einem «Herr im mittleren Alter», dem die Me-dienschelte («abverstrupfter Klosterschüler», «Nestbeschmutzer») gesundheitliche Störungen verursache.

Füsilierter Landesverräter
In der Schweiz und darüber hinaus zur Kenntnis genommen bis angefeindet wurde der Histo-riker lic. phil. Niklaus Meienberg bereits 1974 mit seinen «Reportagen aus der Schweiz»
mit acht klassenbewussten Texten über Zeitgenossen wie den Boxer Fritz Chervet, den Renn-fahrer Jo Siffert, den innerrhodischen CVP-Ständerat Raymond Broger und den Arbeiter und «Landesverräter» Ernst S., der 1942 geringfügige Mengen Munition nach Deutschland ver-
kauft hatte und dafür als Landesverräter hingerichtet wurde. Richard Dindo machte daraus
den Dokumentarfilm «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.». Spionage und Feind-kontakte waren damals nicht selten. Dazu der renommierte Historiker Edgar Bonjour: «Oben wurde pensioniert, unten füsiliert.»


©Text Damian Bugmann 2020


Niklaus Meienberg, brillanter und lustvoller Sprachwerker.                    Foto: zVg

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Djugaschwili, Uljanow und der demokratische Pandemie-Sozialismus

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Der deutsche Theaterschaf-fende Armin Stolper umfasst seine Prosastücke mit zwei Gedichten.

Am Anfang steht «Lob des Trinkens», in dem er unter anderem festhält:
Saufen schadet,
doch nicht allein,
nein, du musst auch ein dummes Säuferschwein sein.

Am Schluss steht «Lob des Rauchens», in dem er die rauchenden Figuren der linken Geschichte ehrt. Auch der alte Josef Djugaschwili Stalin be-schäftigt ihn, vor allem nachts, wenn dieser ihn unverhofft besucht, seine Bude mit der Pfeife vollqualmt und seine herumliegenden marxistischen Texte in Notizen, Zeitschriften und Büchern kompetent kri-tisiert und kommentiert.

Wladimir Iljitsch Uljanow landet vor einem Tribunal der Tuis, der gefürchteten Geistes-arbeiter. «Lenin liess den Tui ausreden und vernahm die ganze Litanei jener Linken», die wir uns ständig anhören müssen: Gleichsetzung von Stalin mit Hitler und die mo-ralische Entrüstung über das Diktatoren-Scheusal, vor dem Lenin gewarnt haben soll. Jener Linken, die die Halb-heiten der Partei «Die Linke» und der britischen Labour Party dümmlich loben und natürlich den angeblich sau-beren, gewaltfreien «demo-kratischen Sozialismus» prei-sen, also die prätentiöse Parlaments- und die schmie-rige Regierungs-Politik der sozialdemokratischen Partei-en im bürgerlichen Politthe-ater.

Stolpers geistreiche Essays, Kolumnen und Anekdoten unterhalten und sind auch 13 Jahre nach ihrem Erscheinen noch aktuell, in der Zeit des Pandemie-Hypes, in der sich die Tuis bis in die Parteien links von Sozialdemokratie
und Grünen hinein hochemo-tional über die grausamen Verräter ereifern, die sich nicht der kapitalistischen Staatsrä-son, den Gewinnen der Me-dizinalindustrie und den re-pressiven, disziplinierenden und entpolitisierenden Not-standsmassnahmen beugen wollen.

©Text Damian Bugmann 2020

Armin Stolper: Karfreitag kommen die Kommunisten, 20 satirische Feuilletons, Verlag Wiljo Heinen 2008, Paperback, 175 S., 5 Euro.


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Gesellschaftssatire und Sprachparodie
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«Qualmend und glutschend be-rauschten sie sich, tobten, tanzten mit zuckendem Bauch und stampf-ten in unkostümen Verrenkungen herum»: Ausschnitt Lennon-Zeichnung mit Legende zur Ge-schichte «Neville Club».

Eine deutsche Reedition und Neuübersetzung von «In His
Own Write
» von 1964 zeigt John Lennon als lustvoll-satirischen Schreiber und Zeichner.

Schülerkritzeleien, schnelle und sichere Strichführung, turbulente Massenszenen, Kopffüssler und Karikaturen - so etwa präsentiert sich hier das interessante zeichnerische Werk von John Lennon. «In einer kürzlich verunstalteten demoskomischen Dummfrage kam ein rastender Retorter mit der Frage ( ... )» - oft wechselt er Buchstaben aus, nimmt ähnlich klingende Wörter und gibt damit neue Bedeutungs-richtungen; lustvolle Gesell-schaftssatire und Sprachpa-rodie übersprudeln, schwar-
zer Humor verblüfft.


Die kurzen Geschichten, Einakter und Gedichte zeigen den Künstler von einer etwas anderen Seite, die sich in der Folge allmählich auch in sein Songwriting bei den Beatles einschlich. Das etwas verblas-sende Klassenbewusstsein des sozialen Aufsteigers ist
ebenso präsent wie die Sorg-
losigkeit des Gutverdieners.

Aktualisierung und Germanisierung
Der Blumenbar Verlag hat die
nicht einfache Herausforde-rung angenommen, zum siebzigsten Geburtstag (9.10.) und zum 30. Todestag (9.12.) des Künstlers ein Stück weitgehend experimentelle Sprache ins Deutsche zu übertragen und nachzudichten mitsamt der Rhythmik und den Reimen in den Gedichten. Dabei gehen die Übersetzer mit der Aktualisierung und Germanisierung manchmal etwas weit: Da kommt schon mal das Internet vor, „Bild“ steht anstelle einer englischen Boulevardzeitung, CBS wird zu ZDF, englische Prominente der damaligen Zeit zu Jauch und Grünbein.

©Text Damian Bugmann 2010

John Lennon: «In seiner eigenen Schreibe», Kurztexte und Zeich-nungen, mit Vorworten von Paul McCartney und Jon Savage, Blumenbar Verlag Berlin 2010, www.blumenbar.de, 85 S. geb.


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